Do / 24.10.19 / 19.30 Uhr
Dialoggespräch
«Moholy-Nagy und die Neue Typografie»
Entdeckungsreisen in die Typografiegeschichte mit Petra Eisele und Isabel Naegele

Bei Recherchen in der Berliner Kunstbibliothek stießen die beiden Mainzer Professorinnen Petra Eisele und Isabel Naegele zufällig auf 78 originale Ausstellungstafeln des Bauhausmeisters László Moholy-Nagy, die seit circa 90 Jahren im Depot schlummerten. Diese Wiederentdeckung mündete im Bauhausjahr 2019 in einer Ausstellung und einer Publikation über «Moholy-Nagy und die Neue Typografie».

Anlässlich der Ausstellung «Bauhaus und die Fotografie. Zum Neuen Sehen in der Gegenwartskunst», die ebenfalls zwei historische Ausstellungsräume des Malers, Fotografen und Gestalters László Moholy-Nagy wieder aufleben lässt, stellen die Herausgeberinnen Prof. Dr. Petra Eisele und Prof. Dr. Isabel Naegele das Projekt in der Kunsthalle Darmstadt in einem Dialoggespräch vor.

Zehn Jahre nach Gründung des Bauhauses, das er im Jahr zuvor verlassen hatte, konzipierte Moholy-Nagy unter der Leitfrage «Wohin geht die fotografische Entwicklung?» zwei Räume für die legendäre Werkbundschau «Film und Foto» (FiFo), die im Mai 1929 in Stuttgart eröffnete und von dort in den kommenden zwei Jahren bis nach Japan reiste. Exponate, Hängung und farbliche Gestaltung der Ausstellungsräume Moholy-Nagys, die von Station zu Station leicht variierten und zudem nur fragmentarisch dokumentiert sind, wurden nun erstmals in Teilen rekonstruiert und können in der Darmstädter Ausstellung als materielle 1:1-Teilrekonstruktion und als virtueller Rundgang begangen werden.

Nur einen Monat vor der FiFo von 1929 eröffnete der «ring neue werbegestalter» im Berliner Kunstgewerbemuseum, dem heutigen Martin-Gropius-Bau, eine Ausstellung über die «Neue Typografie». László Moholy-Nagy, der sich nach seinem Weggang aus Dessau in Berlin einen Namen als Gestalter gemacht hatte, war eingeladen worden, einen
eigenen Raum zu bespielen. Dafür entwarf er 78 Schautafeln zur Zukunft und Entwicklung der Neuen Typografie seit der Jahrhundertwende, für
die er sowohl eigene Entwürfe als auch Werbedrucksachen von Kollegen aus dem Bauhaus-Umfeld verwendete. Moholy-Nagys Beitrag unter dem Titel «Wohin geht die typografische Entwicklung?» bildete – retrospektiv betrachtet – von Konzept und Gestaltung her eine Ouvertüre zu seinen Räumen in der Film und Foto, wo der Bauhausmeister die Frage zu «Wohin geht die fotografische Entwicklung?» variierte. Wie seine Ausstellungsräume über die Geschichte und Zukunft der Fotografie sollte jedoch auch seine Präsentation zu Stand und Entwicklung der Neuen Typografie in Vergessenheit geraten – bis zur Wiederentdeckung durch Petra Eisele und Isabel Naegele.

Bis Mitte September 2019 waren die 78 original erhaltenen Tafeln aus Moholy-Nagys Ausstellung zur Neuen Typografie in der Berliner Kunstbibliothek zu sehen und wurden in diesem Zusammenhang erstmals in einem Buch umfangreich dokumentiert und kommentiert. In einem dialogischen Gespräch berichten die beiden Herausgeberinnen Petra Eisele und Isabel Naegele am 24.10. in der Kunsthalle Darmstadt von den historischen und aktuellen Verbindungen dieser beiden wiederentdeckten Ausstellungen des Bauhausmeisters.

Prof. Dr. Petra Eisele (*1966) studierte Kunstgeschichte und Germanistik an der Universität Trier und promovierte an der Universität der Künste Berlin zur postmodernen Designentwicklung seit den sechziger Jahren. Von 2000 bis 2003 war Petra Eisele wissenschaftliche Mitarbeiterin für Geschichte und Theorie des Designs an der Fakultät Gestaltung der Bauhaus-Universität Weimar. Nach einem Forschungsaufenthalt an der Smithsonian Institution, Washington, DC, USA, wurde sie 2006 als Professorin für Designgeschichte und Designtheorie an die Hochschule Mainz berufen. Sie ist seit 2010 Mitglied des Instituts Designlabor Gutenberg (idg) und veröffentlichte zahlreiche Publikationen zur Design- und Typografiegeschichte.

Prof. Dr. Isabel Naegele (*1962 in Plainfield NJ/USA) studierte und promovierte zunächst im Fach Humanmedizin an der Johann-Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main und war als Ärztin im Elisabethenstift in Darmstadt tätig. Ihr Zweitstudium im Fach Visuelle Kommunikation schloss sie an der HfG Offenbach ab. Nach Arbeitsstationen bei Intégral Ruedi Baur, Paris, und Studio Dumbar, Den Haag, hat sie seit 1999 die Professur für Typografie und Grundlagen der Gestaltung an der Hochschule Mainz im Studiengang Kommunikationsdesign inne. Seit 2016 leitet Isabel Naegele das Institut Designlabor Gutenberg (idg). Sie erhielt mehrere internationale Designauszeichnungen und veröffentlichte zahlreiche Publikationen zur Typografie.

Veranstaltung in Kooperation mit dem Institut für Neue Technische Form e. V. (INTeF)

Das Ausstellungsprojekt «Bauhaus und die Fotografie. Zum Neuen Sehen in der Gegenwartskunst» wird im «Fonds Bauhaus heute» der Kulturstiftung des Bundes sowie durch das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst und die Hochschule Darmstadt gefördert.

Petra Eisele, Isabel Naegele, Michael Lailach (Hrsg.): Moholy-Nagy und die Neue Typografie, Kettler Verlag, 2019
© und Foto: Kettler-Verlag und Kunstbibliothek/SMB


Petra Eisele, Isabel Naegele, Michael Lailach (Hrsg.): Moholy-Nagy und die Neue Typografie, Kettler Verlag, 2019
© und Foto: Kettler-Verlag und Kunstbibliothek/SMB


Petra Eisele, Isabel Naegele, Michael Lailach (Hrsg.): Moholy-Nagy und die Neue Typografie, Kettler Verlag, 2019
© und Foto: Kettler-Verlag und Kunstbibliothek/SMB


Petra Eisele und Isabel Naegele
Foto: Evelyn Dragan